Der Literaturkurs zieht das Publikum in sein Doppelleben

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RÜCKBLICK · KULTUR & THEATER

Zwei Abende zwischen Bühne und Bildschirm: Der Literaturkurs zieht das Publikum in sein Doppelleben

Volle Reihen, konzentrierte Stille, dann langer Applaus: An zwei Abenden hat der Literaturkurs der Gesamtschule Nettetal Selma Mahlknechts „Du lebst nur keinmal“ auf die Bühne gebracht – und dem Publikum einen Spiegel vorgehalten, in den viele erst zögernd und dann doch sehr genau hineingeschaut haben.

Das Ensemble des Literaturkurses steht beim Schlussapplaus auf der Bühne des Pädagogischen Zentrums, das Publikum applaudiert.
Am Ende steht das ganze Ensemble auf der Bühne – vor einem Publikum, das zwei Stunden lang nicht aufs Handy geschaut hat. (Fotos: Literaturkurs GE Nettetal)

Nettetal. Das Licht geht aus, und für einen Moment passiert das, was an diesem Abend eigentlich das Thema ist: Überall im Saal wandern Hände zu Hosentaschen, Displays leuchten auf, werden wieder dunkel. Dann beginnt das Stück – und für die kommenden Stunden gehört die Aufmerksamkeit ausschließlich der Bühne.

Monatelang hat der Literaturkurs auf diese beiden Abende hingearbeitet. Was am 4. und 5. Juli im Pädagogischen Zentrum zu sehen war, wirkte entsprechend selbstverständlich: Auftritte, die saßen, Übergänge, die trugen, ein Ensemble, das sich blind zu vertrauen schien. Dass hinter dieser Leichtigkeit unzählige Proben, verworfene Ideen und Nachmittage stecken, an denen nichts funktionieren wollte, sah man dem Ergebnis nicht mehr an – und genau das ist wohl das größte Kompliment, das man einer Schülerinszenierung machen kann.

Ein Stück, das nicht mit dem Finger zeigt

Selma Mahlknechts Tragikomödie führt vor, wie schmal der Grat zwischen Selbstinszenierung und Selbstverlust geworden ist. Der Titel spielt mit dem Lebensgefühl von „Yolo“ – You only live once –, dreht es aber um: Wer permanent ein zweites, besseres, gefiltertes Leben pflegt, lebt am Ende womöglich gar keins richtig. Das Ensemble hat diesen Gedanken nicht als Warnung vorgetragen, sondern als Angebot. Gelacht wurde viel. Nur wurde das Lachen im Verlauf des Abends immer leiser.

Getragen wurde die Inszenierung von einem Ensemble, das sich sichtbar Räume erobert hat: kurze, präzise Szenen, überlappende Stimmen, Figuren, die zwischen greller Selbstdarstellung und stiller Erschöpfung hin- und herkippen. Multimediale Einspieler, Chatverläufe und Musik verschränkten Bühne und Bildschirm so eng, dass man mitunter nicht mehr sagen konnte, welche Realität gerade die eigentliche war. Das war kein technischer Effekt, sondern eine dramaturgische Entscheidung – und sie ging auf.

Ensembleszene der Theateraufführung im Pädagogischen Zentrum
Zwischen greller Selbstdarstellung und stiller Erschöpfung: Das Ensemble spielte die Gleichzeitigkeit von analogem und digitalem Leben aus.
„Wir wollten niemanden belehren. Wir wollten zeigen, was dieses ständige Online-Sein mit unseren echten Beziehungen macht – und wie schnell man sich darin verlieren kann.“ Aus dem Ensemble des Literaturkurses

Was Theater in der Schule leisten kann

Ein Literaturkurs ist kein Profitheater, und er muss es auch nicht sein. Sein Wert liegt woanders: Hier üben junge Menschen, sich vor anderen zu behaupten, sich verletzlich zu zeigen, einen Text so lange zu befragen, bis er ihnen gehört. Sie lernen, dass eine Szene nur funktioniert, wenn alle sie tragen – und dass man sich aufeinander verlassen können muss, wenn das Licht angeht. Diese Erfahrung nimmt man mit, weit über die letzte Vorstellung hinaus.

Sichtbar wurde das an beiden Abenden auch daran, wie das Publikum reagierte: Eltern, Geschwister, Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler saßen nebeneinander und sahen dasselbe Stück – nahmen aber sehr verschiedene Fragen mit nach Hause. Die einen, weil sie die digitale Welt ihrer Kinder plötzlich von innen betrachten konnten. Die anderen, weil ihnen jemand ihr eigenes Scrollverhalten vorgespielt hatte, genauer, als ihnen lieb war.

Ein Dank an alle, die es getragen haben

Unser Dank gilt zuallererst den Schülerinnen und Schülern des Literaturkurses – für ihren Mut, ihre Ausdauer und dafür, dass sie sich auf einen Stoff eingelassen haben, der ihnen selbst so nah geht. Ebenso danken wir allen, die im Hintergrund für Technik, Licht, Ton, Bühnenbild und Organisation gesorgt haben, sowie den Familien, die geprobte Wochenenden und späte Heimwege mitgetragen haben. Und schließlich dem Publikum: für zwei Abende voller Aufmerksamkeit – und für zwei Stunden, in denen die Handys tatsächlich stumm blieben.

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