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RP: Die große Leere nach dem Abitur

Die Phase zwischen der letzten Abiturprüfung und dem Studien- oder Ausbildungsstart ist kritisch, sagen Psychologen. Die Abiturienten drohen nach einer stressigen Lernperiode in ein Loch zu fallen. Doch es gibt viele Möglichkeiten, die freie Zeit gewinnbringend für die Zukunft zu nutzen

VON LESLIE BROOK

DÜSSELDORF Viele Stunden lang hat die Schülerin Sylvia Gaus für die Prüfungen in ihren vier Abiturfächern Pädagogik, Deutsch, Mathe und Englisch gebüffelt. Jetzt ist es fast geschafft: Die 19-Jährige hat ihre mündliche Prüfung im vierten Fach. "Endlich", sagt die Nettetalerin. "Ich freue mich, wenn es geschafft ist. Die Lernzeit war sehr anstrengend." Einerseits. Andererseits sei die Zeit, in der sie einen festen Plan hatte, aber auch ganz angenehm gewesen. Nun beginnt die Phase der Unsicherheit. "Alles ist ungewiss" - der Abischnitt, die Zukunftsaussichten. "Ich mache mir Sorgen, ob alles so klappt, wie ich mir das vorstelle."
Nach den Prüfungen falle erstmal der Druck von den Abiturienten ab. Was dann folge, sei häufig die große Leere, bestätigt Diplom-Psychologin Ilke Kaymak. Die Arbeits- und Organisationspsychologin arbeitet beim Career Service der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität und berät Abiturienten und Studierende. "Die Zeit nach dem Abi ist sensibel, aber man kann sie gewinnbringend nutzen", sagt die Psychologin - als Orientierungsphase oder zur Karrierevorbereiung. Die Möglichkeiten seien vielfältig: eine Sprachreise, ein Praktikum, ein Job, ein Ehrenamt, ein Auslandsaufenthalt. "Das alles macht sich gut im Lebenslauf und kann den Erfolg später verbessern", meint Kaymak. Auch Vorlesungen an der Uni zu besuchen, um sich aufs Studium einzustimmen, sei sinnvoll. Wer nicht wisse, was er studieren will, sollte sich in den Beratungsstellen der Unis Rat holen.
Während den Schülern gerade die rund vier Wochen zwischen der letzten Prüfung und der Entlassung lange und unwirklich leer vorkommen, müssen Lehrer eine Menge leisten. "Für uns ist die Zeit sehr knapp", sagt der Kempener Schulleiter Edmund Kaum. Bis zum 24. Juni müssen am Thomaeum alle Zeugnisse gedruckt sein. Und das bedeute: Korrigieren, Fristen wahren, Abgleichen, Noten bilden, Abweichprüfungen und Nachprüfungen abnehmen. In dieser Woche musste Kaum die Zweitkorrekturen an die Bezirksregierung übermitteln. Am 8. Juni kommen die Bewertungen an die Stammschule zurück, am 9. Juni will Kaum den Abiturenten die Noten bekannt geben. Den Schulen sei der Tag der Zeugnisvergabe freigestellt, so ein Sprecher des Schulministeriums. Spätenstens jedoch am 30. Juni müsse die Entlassung sein.
Abiturientin Sylvia Gaus will nach dem Abschluss erstmal mit drei Freundinnen in den Mallorca-Urlaub fliegen. "Wenn ich zurück bin, muss ich mich über Studiengänge informieren." Diese Reihenfolge findet Olaf Cramer, Berufsberater der Agentur für Arbeit in Düsseldorf, richtig: "Es ist gut, den Kopf freizubekommen, nachdem man gerade das Abi gebaut hat." Wieder zurück zu Hause sollten sich die Abiturienten auf Dinge konzentrieren, für die bis jetzt keine Zeit war, die aber für das Studium oder die Ausbildung eine Hilfe sein könnten. Oder sich mit einem Job den Beitrag für das erste Semester erarbeiten. Cramer empfiehlt Computerkurse zu belegen, sich Entspannungstechniken anzueignen, in die Arbeitswelt reinzuschauen. Kaymak: "Wenn man die Weichen intelligent stellt, ist der Kalender gut gefüllt, und es kann gar keine Langeweile aufkommen."

RP, Donnerstag 3. Juni 2010

Info
Abiturienten in NRW
Im Schuljahr 2008/09 haben in NRW 66137 Schüler am Abitur der Gymnasialen Oberstufe teilgenommen. Sie erreichten im landesweiten Mittel eine Abiturdurchschnsnote von 2,58. 659 Schüller erreichten die Abiturnote 1,0. Die Abiturprüfungen für das Jahr 2009/10 enden am 25. Juni mit den letzten Nachprüfungen

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Simon Janhsen (19) aus Nettetal: "Wir nutzen die Zeit nach dem stressigen Lernen, um uns alle zu treffen, zu grillen, den Kontakt zu pflegen. Ich gehe im August für ein Jahr nach Australien und werde dort meinen Zivildienst leisten. Ich wohne in einer Gastfamilie. Freunde und Familie in Deutschland will ich mit einem Internet-Blog auf dem Laufenden hatten." FOTO: BUSCH

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