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GN: Kein Buch kann Eindrücke wiedergeben

Nettetaler Gesamtschüler dokumentieren ihren Auschwitz-Besuch in Bonn

Nettetal. Im Haus der Frauen-Geschichte in Bonn berichteten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 13 der Ge­samtschule Nettetal mit ihrer Lehrerin Julietta Breuer von einer Studienfahrt, die sie in das Vernichtungslager Auschwitz geführt hatte.

Bis zum 2. November kann man dort (Bonner Altstadt, Wolfstraße 41, jeweils mitt­wochs während der Öff­nungszeiten 10 bis 15 Uhr oder nach Anmeldung 0228/98143689) sehen, was sie über ihre Erfahrungen berich­ten und in einer Text- und Bild-Collage mit rund 180 Fo­lien, einem Kurzfilm von Nik­las Thelemann und einem Fo­tobuch von Tasmin Hendricks dokumentieren.

Julietta Breuer: „Auschwitz heißt, erinnern, um die Schü­lerinnen und Schüler stark zu machen, in ihrem eigenen Leben nach Möglichkeit überall da selber zu handeln, wo die Menschenwürde missachtet wird. Grausamkeiten wie in Auschwitz dürfen sich nie wiederholen. Es gilt, unseren entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen.”

Die Studienfahrt wurde in Zusammenarbeit mit der Stif­tung „Erinnern ermöglichen” in Düsseldorf und dem Haus der Frauen-Geschichte vorbe­reitet. Die Dokumentation soll anderen Schulen Anregungen geben und zu einer lebendi­gen Erinnerungskultur beitra­gen.

Die Schülerinnen und Schüler der städtischen Gesamtschule Nettetal zusammen mit ihren Lehr­kräften nach der Dokumentation ihrer Studienfahrt, sitzend 2. v. l.: Kunstlehrerin Andrea Nat­terer, Professorin Dr. Annette Kuhn, rechts von ihr Julietta Breuer, Initiatorin und Leiterin der Studienfahrt sowie Edith Sanders, Tochter des letzten jüdischen Mitbürgers in Nettetal-Lobbe­rich, der Auschwitz überlebte und inzwischen auf dem jüdischen Friedhof in Krefeld seine letzte Ruhestätte gefunden hat.           Foto: hdfg/Bonn


Ausgewählte Fotos, die die Teilnehmer während der Be­sichtigung des Stammlagers und Auschwitz-Birkenau machten, Dokumente anderer Art sowie Zitate der beteiligten Schülerinnen und Schüler bieten dem Betrachter die Möglichkeit, interaktiv zu handeln. Zuerst fallen die Fotos ins Auge. Wünscht der Betrachter weitere, schriftliche Informationen, kann er die Fo­lien drehen und einen kurzen, zu dem Foto passenden Text lesen. 

Julietta Breuer: „Geschichte hat im Rahmen von Unter­richt und Erziehung nie einen Selbstzweck. Als Leitsatz, als Motto, haben wir den Ausdruck „Erinnern für heute und morgen” gewählt Wir entlassen die Schüler in Kürze hochsensibilisiert dafür, Ver­letzungen der Menschenrech­te in ihrer Lebenswelt zu erkennen...”

Schülerin Tasmin Hen­dricks: „Ich fand es erstaun­lich, dass viele ältere Men­schen so froh sind, dass unse­re Generation sich so enga­giert, und offen über die Ereig­nisse sprechen können. Das Haus der Frauen-Geschichte war ein super Abschluss für unsere Reise. Keineswegs glaube ich, dass Auschwitz bei keinem von uns das Ende der Reise bedeutet, denn sie geht für jeden von uns auf verschiedenen Wegen weiter. Vor Ort kann man erst das Ausmaß begreifen. Kein Ge­schichtsbuch kann die Eindrücke wiedergeben.”

Julietta Breuer: „Sehen kann ich auch im Netz, da findet man alles - aber die Kälte nachempfinden kann ich nur im Winter. In dem Moment, als die Schüler die Baracken betraten, waren sie extrem betroffen. Sie spürten den Durchzug und realisierten, dass solch eine Baracke mal für etwa 50 Pferde geplant war, seit 1942 aber hier bis 500 Juden untergebracht waren.”

Die Gesamtschule Nettetal wird versuchen, Studienfahr­ten nach Auschwitz zu eta­blieren. Sie bleibt Koopera­tionspartner der Stiftung „Erin­nern ermöglichen“ in Düsseldorf, deren Kooperationspart­ner wiederum das Haus der FrauenGeschichte in Bonn ist. Hier werden in den nächsten zwei Jahren wieder Förderan­träge eingereicht.

Julietta Breuer ordnet be­wusst auch noch einmal den „Widerstand der Herzen” am Beispiel Lion in Kaldenkir­chen ein: „Im Verlauf des 10. November 1938 stürmen Na­zis sein Haus, schlagen den alten Mann, fordern die Heraus­gabe der Thora-Rolle. Else Lion schreitet ein. Sie hat den Mut, dazwischen zu treten, einzuschreiten, dem Obernazi aus Kaldenkirchen Einhalt zu gebieten. In der Not wird ihre Schwiegermutter genötigt, aus dem Fenster zu springen, sie verletzt sich massiv. Else Lion, später Heymann, bringt den Mut auf, sich spätabends rauszuschleichen und einen Arzt zu holen.”

Den Kaldenkirchener ist be­kannt, dass es sich hier um Dr. Hans Hild handelt, dessen in Brüggen wohnender Sohn Dr. Jochen Hild davon berichten kann.

 

Quelle: Grenzlandnachrichten, 2.5.2013

 

Nachrichten-Archiv 2013


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