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GN: Eine Stele gegen das Vergessen

Hinsbeck. Eindrucksvoll war die Einweihung des Euthanasie-Denkmals im Hinsbecker Friedenspark, die im Rahmen der Kranzniederlegung anlässlich des Schlöper Schützenfestes erfolgte. Es ist das erste Denkmal dieser Art im Kreis, rund 200 Anwesende wohnten dem besonderen Ereignis bei. Bürgermeister Christian Wagner dankte dem Sponsor der
Stele, Ursula und Hans Kohnen, der Stifterin der Plastik Gabriele Beeck, den Schülerinnen der 12. Klasse der Gesamtschule Nettetal mit ihrer Lehrerin Julietta Breuer, dem VVV Hinsbeck als Organisator und der Schlöper Bruderschaft für deren Entgegenkommen.

Wagner betonte, dass 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Zahl derer, die die Gräuel des Naziregimes selbst erleben mussten, immer kleiner wird. „Die Stele wird daran erinnern, was die Nationalsozialisten mit denen machten, die nicht in das arische Rassenkonzept passten“, so Wagner. „Niemand hat das Recht über das Leben eines Menschen zu urteilen.“ Damit schlug er auch eine Brücke zur Gegenwart: „In Deutschland leben rund 10 Prozent der Menschen mit einer körperlichen und geistigen Einschränkung. Sie sind auf unsere Solidarität, unseren Zuspruch und unsere Empathie angewiesen.“ Die anschließende Einweihung der Stele nahmen Pfarrer Ansgar Falk und Oberstudienrat Klaus Hubatsch vor.

Rund 200 Menschen wohnten der Einweihung des Denkmals bei. Von links: Pfarrer Ansgar Falk, Oriane Gomanns, Klaus Hubatsch, Andrea Klaas, Christian Wagner, Peter Beyen, Hans Kohnen, Julietta Breuer, Ursula Kohnen und Lilja Schmitz. Foto: Heinz Koch


Zum Abschluss hielten die Schülerinnen Oriane Gomanns, Andrea Klaas und Lilja Schmitz einen Vortrag über die Euthanasie und ihre Opfer. Eine Geschichte, die allen Anwesenden nahe ging. Die Jugendlichen berichteten, dass in der Landesklinik
Süchteln während der NS-Zeit über 2000 Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen eingesperrt wurden. Da Süchteln überbelegt war, wurden im Jahr 1936 einige dieser Menschen im Hinsbecker Krankenhaus untergebracht. Später seien diese wieder nach Süchteln zurückgekehrt und dann wahrscheinlich Opfer der Euthanasie geworden. Dies sei der Ausgangspunkt, weshalb heute der Gedenkstein eingeweiht würde.

Doch was war „Euthanasie“? Die Jugendlichen berichteten, dass Euthanasie übersetzt „guter Tod“ oder auch „schmerzloser Tod“
bedeute. In Wirklichkeit sei es aber ein Ausdruck für den Massenmord, hauptsächlich an behinderten Menschen, gewesen. Am
Beispiel eines in Waldniel getöteten Kindes berichteten sie über die Wirklichkeit: Die zehnjährige Else H. aus Oberhausen, nach einer Diphterie-Impfung geistig behindert, sei in die Kinderfachabteilung nach Waldniel verlegt worden. Dort habe man sie bewusst hungern lassen, was Elses Vater in Briefen kritisierte. Als Antwort wurde ihm gedroht, juristisch gegen ihn vorzugehen. Nach einem Jahr sei „das von eiternden Geschwüren geplagte und durch Mangelernährung abgemagerte Kind im Januar 1943 verstorben“. Als Todesursache wurde „doppelseitige Lungenentzündung“ angegeben. Ein Beispiel, das alle anwesenden Eltern und Erzieher schockte und nachdenklich stimmte.

VON HEINZ KOCH

 

Erstes Euthanasie-Denkmal eingeweiht
Eine Stele gegen das Vergessen

GN, Nr. 26 / 62.Jahrgang / Freitag, 26.Juni 2015

Nachrichten-Archiv 2015


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