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Lehrerin der 1. Gesamtschul-Stunde geht von Bord

Seit der ersten Stunde der Gesamtschule Nettetal im Jahre 1992 war sie mit dabei, die „Lehrerin der ersten Stunde“, Gudrun Siebert. Mit Ende des Schuljahres 2014/15 geht sie nach 23 Jahren nun von Bord des großen Gesamtschul-Schiffes in Nettetal, denn die langjährige Abteilungsleiterin der Jahrgänge fünf bis sieben wird nun pensioniert. Wie hat sie die Gesamtschule Nettetal mit geprägt? Was waren ihre Arbeitsschwerpunkte?

Jüngste Schülerschaft an der Grundschule „abholen“

Ganz klar: Einerseits, den jungen Schülerinnen und Schülern der verschiedenen Grundschulen in Nettetal einen sanften Übergang an die Gesamtschule zu ermöglichen. Wo holen wir unsere neuen Schülerinnen und Schüler ab? Um das sicher herauszufinden, suchte Gudrun Siebert von Anfang an den Weg in die Grundschulen. Dabei entwickelte sich insbesondere mit der Katholischen Grundschule Hinsbeck  (KGS) eine sehr gute und professionelle Zusammenarbeit, die bis heute andauert. Anfangs in enger Zusammenarbeit mit Gabriele Lanser (bis 2011 Leiterin der KGS Hinsbeck), heute mit Anke Paukovic und Erika Heitzer. Aus den zahlreichen gegenseitigen Besuchen entwickelte sich das gesamte Repertoire, das heute im Schulprogramm der Gesamtschule Nettetal fest verankert ist.

Beratung neuer KollegInnen

Andererseits aber auch: die Lehrerschaft der Sekundarstufe I an die Arbeit der Gesamtschule heranzuführen. Dazu muss man wissen, dass es im Jahre 1992 eine einzige Jahrgangsstufe gab: vier neue Klassen des fünften Jahrgangs. In der Aufbauphase kamen mit jedem Schuljahr mindestens acht neue Kolleginnen und Kollegen dazu, die meistens noch keine praktischen Gesamtschulerfahrungen hatten und eingearbeitet werden mussten. Einführungsseminare etc., die sich heute an Studienseminaren etabliert haben, waren rar gesät.

Verankert sein in der Abteilung I

Es gab also jede Menge Arbeit – und das stets neben einer Klassenleitung, auf die Gudrun Siebert nie verzichten wollte: „Meine Klasse war mein schulisches Zuhause. Ich wollte immer den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern haben, in der täglichen Arbeit immer drinstehen!“

Deshalb legte Siebert größten Wert darauf, auch räumlich in der ersten Abteilung beheimatet zu bleiben. Beim Einzug in den Neubau, als auch einige Büros umzogen, blieb sie bewusst im Altbau, mitten in den jeweils vier Klassen der Jahrgänge fünf, sechs und sieben: „Ich wollte nicht fernab residieren, sondern für Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen sowie für Eltern immer leicht erreichbar sein. Meine Tür stand und steht immer offen für alle.“

Schulvereinbarungen

In den Anfängen hatte Gudrun Siebert die Vision, die Eltern mehr „mit ins Boot“ zu holen. Sie suchte Wege, mit ihnen verstärkt ins Gespräch zu kommen, die gemeinsame Verantwortung für ihre Kinder bewusst zu machen. Dazu lud sie in den ersten Jahren, lange bevor es an der Gesamtschule einen „Didaktischen Ausschuss“ gab, Eltern zu sogenannten „didaktischen Gesprächen“ in die Gesamtschule ein. Sie entwickelte erste „Schulvereinbarungen“, die anfangs auf losen Blättern, meist mit der Anmeldung, unterzeichnet wurden. Heute sind die Schulvereinbarungen, die von der Schüler- und Lehrerschaft sowie von den Eltern unterschrieben werden, ein fester Bestandteil des schuleigenen Wochenplaners.

Schülersprechtage

Ein noch recht junger Arbeitsschwerpunkt war auch die Einführung des sogenannten Schülersprechtages in enger Zusammenarbeit mit unserer Gesamtschullehrerin Stephanie Bones. Dazu Siebert: „Die Schülerinnen und Schüler sind diejenigen, die im Lernprozess die aktiv Handelnden sind, nicht die Eltern. Diese sind eigentlich nur die Zuschauer. Die Schülerschaft soll lernen, Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen.“ Der Schülersprechtag bietet nun die Möglichkeit, alleine mit den Klassenlehrpersonen zu sprechen. „Der Moment der Nähe ist dabei wichtig, der im normalen Schulalltag so nicht gegeben ist,“ erläutert Siebert.

Neue Arbeitsschwerpunke?

Und wie wird der Alltag einer so engagierten pensionierten Lehrerin nun weiterhin aussehen? Gudrun Siebert wird nun Zeit haben, ihr ehrenamtliches Engagement weiter auszubauen. Da ist zum Beispiel die Sprachförderung für Flüchtlinge in Brüggen, die sie seit gut einem Vierteljahr ein Mal pro Woche durchführt. Nun wird die Pensionärin Zeit haben, auch mehrmals pro Woche ehrenamtlich unterrichten zu können. „Ich freue mich aber auch,“ so Gudrun Siebert, „in Ruhe in meinem Garten zu puzzlen sowie in Ruhe ein Buch lesen und malen zu können.“

Beratung für neue AbteilungsleiterInnen

Doch ganz die Finger von ihrer bisherigen Arbeit lassen, kann Gudrun Siebert nicht. Weiterhin wird sie neue Kolleginnen und Kollegen in NRW, welche eine Abteilungsleitung an einer Schule übernehmen wollen, beraten. Den Kontakt hatte unser ehemalige Gesamtschulleiter Roland Schiefelbein hergestellt, dem die Frage am Herzen lag und liegt: Wie können wir neuen Abteilungsleitern von Anfang an besser helfen, mit ihren neuen Aufgaben fertig zu werden? Hatte Siebert bisher schon telefonisch beratend zur Seite gestanden, so wird es bereits  in den bevorstehenden Sommerferien ein Treffen an der Europaschule in Rheinberg geben.  Mit Beginn des neuen Schuljahres wird Siebert dann zur ersten Fachberatung bzw. Fortbildung dorthin fahren.

Ein Kreis schließt sich in Rheinberg

Mit diesem ehrenamtlichen Engagement in Rheinberg schließt sich für Gudrun Siebert auch persönlich ein Kreis, denn hier begann ihre berufliche Laufbahn: An der Realschule in Rheinberg, die heute eine Europaschule für die Sekundarstufen I und II ist, absolvierte sie seit 1975 den Vorbereitungsdienst und machte hier ihr 2. Staatsexamen, um anschließend neun Jahre, bis 1984, an der Realschule Oberhausen-Osterfeld tätig zu sein. Sie wechselte danach an die Gesamtschule in Mülheim, später an die Gesamtschule in Wesel. Von 1989 bis 1992 war Gudrun Siebert dann in der Entwicklungshilfe in Simbabwe/Afrika für die „Kinder im Busch“ tätig. Hier unterrichtete sie Englisch und europäische Geschichte des 19. Jahrhundert. Unterrichtssprache war Englisch.

Rückblicke von KollegInnen der ersten Stunden

23 Jahre Gesamtschule Nettetal. 23 Jahre Gesamtschullehrerin Gudrun Siebert! Wie denken ihre Kolleginnen und Kollegen rückblickend über die „Lehrerin der ersten Gesamtschulstunde“?

Mit im Team der ersten Stunde war Ursula Wüsten, seit langem an der Gesamtschule Nettetal für den Ganztag verantwortlich: „Am Anfang hörten wir ständig: Das war aber in Simbabwe ganz anders.“

Auch Claudia Godoj, heute Lehrerin am Stiftischen Humanistischen Gymnasium und am Studienseminar in Mönchengladbach, gehörte zum Team der ersten Stunde. Sie erinnert sich: „Gudrun war geradlinig und klar im Umgang mit Kollegen, ich habe mich angenommen und unterstützt gefühlt. Außerdem hatte sie immer interessante, teils amüsante Erfahrungen aus ihrer Zeit in Afrika, die sie bei privateren Gesprächen auch schon mal zum Besten gab und die mich manchmal nachdenklich machten, weil deutlich wurde, wie reich und verwöhnt wir hier in Europa sind, auch in punkto Schule.“

Ein Jahr später, 1993, kam unter anderem Bernd Rösler dazu, der später auch für den plötzlich entfleuchten ehemaligen Schulleiter Reinhard Thomas vorübergehend die Schulleitung kommissarisch übernahm und heute noch nach wie vor als Abteilungsleiter der Jahrgangsstufen acht bis zehn tätig ist: „Sie war eine straighte und gerechte Lehrerin, die immer das Wohl der Schülerinnen und Schüler und ihre bestmögliche Förderung im Blick hatte.“

Etwas jüngere Erinnerungen

1997 begann die Zusammenarbeit mit Roland Schiefelbein, Schulleiter an der Gesamtschule Nettetal bis 2014: „Sie ist aus tiefem Herzen eine konsequente Kämpferin für die Gesamtschulidee. Aus dieser Haltung heraus hat sie sich als Lehrerin und als Abteilungsleiterin unermüdlich für die Belange der Kinder eingesetzt und bei der Gestaltung des Schullebens und der Schulstruktur entscheidend mitgewirkt.“

Wieder ein Jahr später kam Angelika Eller-Hofmann, heute Schulleiterin an der Gesamtschule Nettetal, dazu: „Als ich 1998 als unerfahrene und durchweg gymnasial sozialisierte Kollegin an die Gesamtschule kam, lernte ich Gudrun als Abteilungsleiterin kennen. In ihrer Funktion hinterfragte und überprüfte sie mein Lehrerinnenhandeln kritisch und sorgte so dafür, dass ich das Gesamtschulsystem verinnerlichen konnte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Gudrun hat ihren Beruf gelebt und sich für ihre Abteilung bedingungslos eingesetzt. Sie wird uns sehr fehlen.“

Andrea Hammerbach ist noch eine relativ junge Kollegin, die nach ihrem Referendariat vor wenigen Jahren ihre erste Stelle an der Gesamtschule Nettetal antrat: „Als ich hier anfing, hatte ich mit Gudrun Siebert eine feste Ansprechpartnerin und stete Begleiterin. Sie hat mir den Einstieg in mein Berufsleben wirklich sehr erleichtert.“

Nicole: Schülerin „der ersten Stunde“

Und was sagen die Schülerinnen und Schüler? In ihrer allerersten Klasse, 1992 im fünften Schuljahr, war damals Nicole Potchull. Wir treffen sie Anfang des Monats in Hinsbeck wieder. Wie kann es anders sein? Beim letzten Einweisungsseminar, dass Gudrun Siebert für die neuen Lehrerinnen und Lehrer der zukünftige fünf Klassen des fünften Jahrgangs in Hinsbeck an der KGS und in der Jugendherberge durchführte. An was erinnert sich Nicole zurück? Ohne lange nachzudenken: „Frau Siebert? Sie war nie laut, immer gradlinig und immer fair!“

(K)Ein Dienstjubiläum?

Und die Bezirksregierung? Na ja, die muss sich ja streng an Formalien halten. Und es fehlen doch am letzten Arbeitstag tatsächlich noch genau drei Monate, um ein 40-jähriges-Dienstjubiläum anerkannt zu bekommen. Dafür hätte Siebert einen freien Tag geschenkt bekommen. Auf den kann sie nun aber gerne verzichten, den freien Tag darf „Düsseldorf“ gerne behalten!

Ich danke dir, liebe Gudrun, für 18 Jahre harmonische Zusammenarbeit sowie berufliche und private Freundschaft!

Julietta M. Breuer

Nachrichten-Archiv 2015


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