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Frei(t)räume - Shit happens - eine Aufführung des Theaterkurses 12

Stück: Frei(t)räume - shit happens von Jonas Schütte -
Inszenierung und Leitung: Thomas Schulz -
DarstellerInnen: Literaturkurs Jg. 12 der Gesamtschule Nettetal -

Man stelle sich vor, 16 junge Menschen verabreden sich - natürlich per Handy - zu einer spontanen Party, weil „DIE mit der Katze“ sturmfrei hat und sie ziehen das Ding als exzessive Saufveranstaltung – „Wir schießen uns hier und heute Nacht ab“ – durch. In den Köpfen der erwachsenen Zuschauer läuft in Sekundenschnelle ein Horrorfilm ab: das Gruppenhappening führt zum Super-Gau, Verwüstung der Wohnung, komatöse Jugendliche, Randale, körperliche Attacken im Suff, Rettungswagen, Polizeieinsatz wegen nächtlicher Ruhestörung…

Und bei den Jugendlichen im Publikum und auf der Bühne? Entzücken über den genießbaren, phänomenalen „Freiraum“ elterlicher Erziehungsbemühungen. Sie nutzen ihn, um sich selbst zu erleben, auszuprobieren und bis an die Grenzen auszuloten. Kein Film im Kopf, sondern Umsetzung eines Plans, wie ihn alle jungen Menschen im Vakuum zwischen Kind und Erwachsenen erträumen. Klar, ein Partyspielchen zu Beginn der Party, das letztlich zum Outing von STEF (Dominik Esters) führt. Eine Nacht – eine Nacht der Nächte, in der sich 16 Jugendliche in Zuneigung, Verantwortung, Ablehnung und im dynamischen Gruppenpuzzle zu einer Saufgemeinschaft zusammenfinden. Im Freiraum zwischen Tag und Traum, träumen sie von einem neuen Staat, in dem alles besser sein soll – alles BIO, ohne Zwänge, ganz nackt oder doch bekleidet, ganz alternativ und doch mit kleinen Zugeständnissen an liebgewordene Maskottchen. Je nachdem, wer die Vorschläge macht, finden sie, in der sich zudröhnenden Saufgemeinschaft Zustimmung oder Ablehnung – es ist für den Beobachter eben doch nicht besser als im richtigen Leben. Und als Refrain ertönt regelmäßig ein „Prost,“ woraufhin ordentlich gebechert wird. Denn Sieger nach Punkten ist der, der zuerst in Ohnmacht fällt.

Die Schlange vor dem WC der Wohnung wird länger, die Technik lässt uns an Kotz- und Spülgeräuschen teilhaben und wie im richtigen Leben kommen eben die besten Gespräche beim Queuing auf, hochphilosophisch und kleine Scharmützel, nach dem Motto: was ich dir immer schon mal unter die Nase reiben wollte.

Dem Zuschauer werden alle Stereotypen unserer Gesellschaft plakativ und klischeehaft abgebildet. Die Weltverbesserer und Helfertypen,  die alternative BROCCOLI (Lena Steinbergs), die genauso grün ist, wie das Gemüse, dass sie natürlich roh verzehrt. Den liebenswerten Tollpatsch ULF (Tom Saupe), der nach Worten angelt, sich für alles schon mal per se entschuldigt und doch im entscheidenden Moment mit seinem „Handout“ der Rettungsanker für das Mobbingopfer ist (phantastische schauspielerische Leistung). Dann ROD (Erwin Kraus/Robert Frehen), ein obercooler Baseball-Cap-Typ, aber mit abgetarntem Minderwertigkeitsgefühl wegen seines Scheiß-Vornamens – Detlev. Dazu eine quietschende Tussi, die eine Show abzieht, damit die Jungs ihr zu Füßen liegen, und noch viele mehr … das unglaublich gut gestaltete Programmheft gewährt uns einen farbigen Blick in 16 markante Typen.

Die Party rockt, dann plätschert sie dahin, dann wird es langweilig, der Pegel steigt dank „Seven up“ und „Hoch die Tassen“, HANNA (Inga-P. Schwerke/ Jana Bartsch) schießt sich aufs Siegertreppen ab und wird von ihrer großen Schwester (Andrea Klaas/ Melanie Ensen) aus dem Verkehr gezogen. Langeweile führt laut der Theorie von „DER mit der Katze“ zu den besten Ideen.

CLEMENS (Sebastian Merzenich - er gibt den zaudernden Normalo) und natürlich zusammen mit STEF überprüfen die Aussage „Katzen fallen immer auf ihre Pfoten, wenn die Höhe nur groß genug ist“, sie hätte überlebt, aber weil gerade ein Auto kommt … und noch mehr geht in dem Augenblick kaputt, denn „DIE mit der Katze“ (Miriam Wagnitz in einer Glanzleistung) ist nun auch kaputt, weil ohne Namen, weil ohne Katze und außer „ÄH“ und „nimm doch Wodka“ fällt den beiden Jungs nichts ein. Da explodiert ÄH, DIE JETZT OHNE KATZE, erbricht Wörter über diese beiden Hanswürstchen und schießt sich mit Alkohol vom Planten.

MELODY (Jana-M. Kempkes/ Saskia Stammen) philosophiert über Feiglinge und MERLE (Jennifer Holthausen/ Viola Hinze), die Aktivistin (war sie bei Claudia Roth zum Training?) rechnet mal richtig ab, von wegen präfrontalem Cortex, limbischem System und wie so unser Gehirn funktioniert und wir Menschen eigentlich alles Handeln bewerten wollen und dass das auch im Kopf von BEATRICE (Marie van de Weyer) so ist, weil alle Menschen eben gleich ticken und es da keine Unterschiede zwischen Franzosen und dem Rest gibt.

Alles endet in einem Riesenkater. Der Morgen graut, es zwitschern Vögel – Idylle wie in der Bierreklame – dem Morgen graut es vor diesen Gestalten, die sich allein oder zu zweit davon stehlen.Nur MELODY hat noch Musik auf den Ohren, denn damit lässt sich alle Wirklichkeit ertragen.

MERLE sagt ja, wir wollen immer bewerten: Also, es war nie langweilig, sondern immer spannend. Die Inszenierung war großartig mit eigentlich sparsamen, aber sehr wirkungsvollen Mitteln. Besonders die Tablettaufstellungen aller Protagonisten haben den Fluss der Ereignisse gut getaktet und auch die Befindlichkeit des Publikums gespiegelt. Und immer spielten sie sich auch ein bisschen selbst – es war gut zu spüren und zu erleben, dass da mit Herzblut agiert wurde. Die Rollen waren treffend besetzt, sie waren wie ein Mantel für einige Akteure. Sie waren hineingeschlüpft und er passte gut. Und dann spielten sie auch alle für Thomas Schulz – ihren Mentor – „Käpt’n, mein Käpt’n“. Seine Liebe zum Theaterspiel hat alle Schüler des Literaturkurs infiziert, das war schön zu spüren – Gänsehautfeeling. Danke, dass wir teilhaben und Einblick nehmen durften.

D. Spinrath, 3.6.2015

 

Nachrichten-Archiv 2015


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