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Communicate me – Reden ist Silber, Chatten ist Gold

...und viele nahmen Verbindung auf – 2x spielte die Theatergruppe der Gesamtschule Nettetal unter Leitung von Thomas Schulz im Mai und Juni 2011 vor vollbesetzter Mensa.
Dicht gedrängt die Schülerinnen und Schüler im Zuschauerraum – dicht an der Wirklichkeit das Geschehen auf der Bühne. Nah, sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Schüler sind die parallel verlaufenden und ineinander verwobenen Beziehungsgeschichten des Theaterstückes.
Gebannt verfolgten die Zuschauer den Alltag von Judith (Lea Adrians), die nur noch mit ihrem Handy lebt, Termine verwaltet und vor lauter Simsen nicht mehr wirklich anwesend ist – die Menschen um sie herum verliert sie aus dem Blick. Steven (Tobias Born), ein Protagonist der aktuellen Jugendkultur und der Erzähler, will DJ werden und sein Hobby zum Gelderwerb machen – er verkörpert den Helden, der das Glück gepachtet hat.
Das soziale Leben der Jugendlichen spielt sich im Jugendcafé ab oder auf dem Schulhof und beim Shoppen sponsered bei Mummy und natürlich in den Chatrooms rund um die Uhr.

Die Shopping-Queen Muriel (authentisch gespielt von Stella Carolus-Seeling) und ihre beiden Freundinnen gleichen den bösen Feen im Märchen. Alle drei sind oberflächliche Schickie-Mickie-Tussis, die ohne Rücksicht auf Verluste die Menschen um sich herum benutzen, verächtlich behandeln und verletzen.
Aber das ist ja noch Nadja, ihre jüngere Schwester. Jana Reese spielt die empfindsame Schwester überzeugend und zeigt viel schauspielerisches Talent. Nadja zweifelt am Zeitgeist, sie ist auf der Suche nach Antworten, wahren Freunden, bleibt aber einsam trotz ihrer Chatroom-Freundschaft, weil sie keinem mehr vertraut. Sie wählt den für sie einzigen, endgültigen Ausweg.
Ebenso vereinsamt Olesja „Miss Bollywood“ (Pia Erbrath), die eine richtige Freundin sucht und in Tanz, Meditation und Gesprächen echte Beziehungen zu leben versucht. Ihre beste Freundin Tina (Hanna Fiebig) verlässt sie und schließt sich Steffi (Julia Deutges) an.
Steffi sucht als Skaterin den Kick und die Gefahr. Der Zuschauer bekommt beim Zusehen Gänsehaut, denn als die Verabredung im Chat aus dem Ruder läuft, wird auch dem letzten klar, wie gefährlich es ist, wenn man communicatet ohne sein Gegenüber zu kennen.
Ob Lichtengel, Harry Potter und Eisfee oder böse Tanten und Racheengel, nicht alle sind ehrlich und die Motive zur Kontaktaufnahme entsprechen nicht unbedingt ernsthaftem Interesse an Beziehung und Freundschaft.
Alle Hauptdarsteller sind ganz gewöhnliche Jugendliche, sie wohnen in der selben Stadt, besuchen die selbe Schule und sind auf der Suche. Der Chatroom wird zum Wirklichkeitsersatz, bis die Konturen zwischen realem Leben und Spiel gefährlich verschwimmen.
Ulrike Winkelmann schrieb ein Theaterstück, das Sozialstudie von Jugendlichen ist. Am Puls der Zeit ist Thomas Schulz mit der Auswahl des Stückes und der Inszenierung. Die Besetzung der Rollen ist klasse! Die einen Schüler spielen ein bisschen sich selbst, die anderen zeigen großes schauspielerisches Talent (Camilla Knops / Julia Deutges / Lea Adrians), überraschend die Entwicklung in den Rollen seit Beginn der Probenzeit im Oktober 2010. Manche Darsteller wachsen über sich hinaus (Jana Reese / Mike-Kevin Pannhausen).
In weiteren Rollen glänzten Lara Buscher, Celine Bylicki, Carina Klingen, Meike Niemeyer, Melina Peschkes und Janina Stephany.
Einen extra Applaus für die Technik (Philipp Schmitz / Florian Schatten), die alles gut in Szene setzte, Effekte wirkungsvoll platzierte und auch einen Sprung als letzten Ausweg möglich machte.
Communicate me – Danke für die Kontaktaufnahme!
Sensationell, erschreckend real, krass – hoffentlich mit Langzeitwirkung!
So muss eine Inszenierung sein, das macht selbst jugendlichen Zuschauern Spaß und sorgt für aufmerksame Stille. Respekt!
P.S.: Was wäre eine Aufführung ohne ein Werbeplakat? Keiner käme – außer man chattet. Aber es gab ja eins – professionell von Bianca Hoiboom gestaltet und sehr werbewirksam.

D. Spinrath

Nachrichten-Archiv 2011


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